Farben der Gesundheit

Welche Farbe hat „gesund“?

© Mario Gogh | Unsplash.com

Sie wünschen sich für ihre Dialyse eine neue Wandfarbe? Weil sie finden, das bisherige Ocker erschien zu ihren dunklen Praxismöbeln etwas langweilig, bestellen Sie sich bei ihrem Maler einen frischen blauen Wandanstrich. Sie übergeben dem Handwerker ihres Vertrauens schnell noch den Praxisschlüssel, für eine ausführliches Gespräch bleibt keine Zeit mehr, und fahren in den Urlaub.
Gut erholt kommen sie in ihre neu gestaltete Praxis und ein satter blauer Farbton auf den Wänden empfängt sie. Sie sind enttäuscht und beginnen zu frösteln, hatten sie sich doch ein zartes Himmelblau vorgestellt, das Weite signalisieren soll und erleben nun tiefes kaltes Wasser…
Es ist heute unumstritten, dass unsere Wahrnehmung von Farben weit über die physikalische Bestimmung von Lichtreizen hinausgeht.
Morphologisch gesehen gibt es im menschlichen Auge Zapfen, die für rotes, grünes und blaues Licht empfindlich sind. Dabei ist das für uns sichtbare Licht nur ein kleiner Teil einer physikalischen Dimension. Das Licht, also die elektromagnetische Strahlung, die für den Menschen sichtbar ist, hat eine Wellenlänge von etwa 400 bis 700 nm. Unser visuelles System deutet die Strahlung mit den verschiedenen Wellenlängen und lässt uns „Farben sehen“.

Abb. 1 Farbkörperausschnitt mit Unbuntachse4 RAL Design System

Wir unterscheiden in der Psychophysik der Farbwahrnehmung zwischen unbunten Farben (Weiß über Graustufen bis Schwarz) und bunten Farben (Rot, Gelb, Grün usw.). Der normal farbtüchtige Mensch kann jedoch zwischen 2 und 7 Millionen Farbvalenzen wahrnehmen.1
In der Menschheitsgeschichte haben Wissenschaftler und Künstler immer wieder versucht mithilfe von verschiedenen Systemen eine gewisse Ordnung in die Farbvielfalt zu bringen. Wahrscheinlich war Aristoteles der erste Mensch, der Farbmischungen untersucht hat.
Im gleichen Jahr (1810), in dem Goethe seine „Farbenlehre“ mit dem Farbenkreis veröffentlichte, stellte der bedeutende deutsche Maler Phillip Otto Runge eine Farbenkugel vor. Erstmals werden Farben in einem dreidimensionalen Raum geordnet.

Bis heute gibt es eine Vielzahl von Systemen, die Farben und deren Mischungen darstellen. Neuere Systeme berücksichtigen auch noch den Einfluss von Helligkeit und Sättigung, wie z. B. das RAL-DESIGN System. Es beinhaltet 1625 Farbtöne und ist ein in der internationalen Farbmesstechnik verwendeter mathematischer Farbraum.2
Obwohl das Farbensehen ein äußerst komplexes Geschehen ist, zählt dieses Gebiet heute zu den am besten erforschten Gebieten unserer visuellen Wahrnehmung.
Neuere Entdeckungen von Genforschern und Neurobiologen liefern eine solide empirische Grundlage für psychologische Theorien des Farbensehens.
Licht wird in Wellenlängen beschrieben, nicht in Farben. Diese existieren für uns nur, weil unser Gehirn die Farben so interpretiert.3

Um die Anekdote erneut aufzugreifen: Wer hat den Fehler begangen? Was die Farbauswahl betrifft – niemand. Die Wände haben einen neuen Anstrich in einem blauen Farbton erhalten. Jeder hat jedoch von Blau eine andere Vorstellung und sie löst bei jedem, der an dem Prozess beteiligten Personen, andere Empfindungen, verknüpft mit bereits erlebten Gefühlen, Eindrücken und Vorstellungen, aus.

Allgemein kann gesagt werden, dass Farben unbewusste Reaktionen in Gang setzen, deren psychologische Wirkungen aus bereits gemachten Erfahrungen hervorgehen und im Laufe der Zeit verinnerlicht wurden. Farben lösen beim Menschen unterschiedliche Empfindungen aus. Sie vermögen u. a. die Pulsfrequenz und den Blutdruck zu beeinflussen. Wir empfinden bestimmte Farben als kalt, warm, frisch, schwer oder leicht, wobei daraus gewisse Gefühle entstehen, wie z. B. freundlich, beruhigend, aufwühlend. Zu diesem Phänomen wurden Versuche durchgeführt, bei welchem die Versuchspersonen unter dem Einfluss bestimmter Kalt- und Warmtöne die Umgebungstemperatur schätzen sollten. Im Vergleich zwischen der gefühlten mit der tatsächlich gemessenen Temperatur traten Schwankungsbreiten von 1 bis zu 4 Grad Celsius auf.4

Bei der Befragung von
70 Personen
wurden deren Farbvorstellungen
zu
120 Begriffen
erfasst und die prozentuale Verteilung ermittelt.
Die Grafiken
2 und 3
zeigen die Farbvorstellungen der Befragten
für „warm“ und „gesund“.

Was nützt uns aber dieses Wissen? Gibt es so etwas wie gruppenwirksame Empfindungen, so dass das Wissen um Reaktionen von gewissen Farben auf den Menschen zu deren Nutzen eingesetzt werden kann?
Bei einer Befragung von 1.888 Personen im Alter von 14 bis 88 Jahren sollten die Teilnehmer 40 Begriffen Farben zuordnen. Dabei wurden die Farben von 200 Gefühlen und Eigenschaften erfragt.

 

Abb. 2 Warm – Einen angenehmen und wärmenden Einfluss, wie die Sonne, haben diese Farben auf den Menschen.4

Dem Begriff Gesundheit ordneten 34% der Befragten die Farbe Grün, 23% Rot und 13% Blau zu. Hoffnung war für 59% Grün, Optimismus für 22% Gelb und für 19% Grün, Wärme ist für 47% Rot und Freundlichkeit für 22% Blau. Der Farbe Grün wurde von 40% der Teilnehmer das Beruhigende und von 30% die Ruhe zugeordnet. Grün gilt als die Symbolfarbe des Lebens.5

Um Farben nutzbringend einzusetzen, ist das Wissen über die psychologische Farbwirkung deshalb unabkömmlich. Bei der Inneneinrichtung von Gesundheitseinrichtungen ist es bedeutsam zu wissen, welche Farben Gesundheit vermitteln und Gefühle, wie Geborgenheit, Sicherheit und Fürsorglichkeit auslösen und somit den Heilungsprozess positiv beeinflussen. Mit dem von Prof. Dr. Venn et al. verfassten Werk „Farben der Gesundheit“ gibt es erstmals eine Abhandlung, in dem die Farben, die Gesundheit assoziieren, aber auch Farben, die das Gegenteil wie beispielsweise krank, dement, hilflos und instabil signalisieren, in besonderer Weise recherchiert und zusammengefasst sind.
Die Kenntnis darüber, dass jede Farbe auch Synästhesien, also Mitempfindungen auslöst, wie z. B. ein bestimmtes Raum- oder Objektgefühl, ist hilfreich, um beiden Personengruppen, den Patienten und Mitarbeitern gerecht zu werden.

Grün, Gelb und Türkis lösen ein freies, frisches Raumgefühl aus. Blau dagegen wirkt offen und kühl. Im Gegensatz dazu stehen Weiß für hell und einsam, Schwarz und Anthrazit für bedrückend und schwer.
Das Raumgefühl von Farben in der Planung der unterschiedlichen Funktionsbereiche zu berücksichtigen, heißt langfristig ein positives Umfeld zu schaffen und nicht kurzlebigen Trends zu erliegen.

 

 

Abb. 3 Gesund – Viele Grüntöne bestimmen diesen Farbkreis, den der Mensch mit Gesundheit verbindet.4

 

Die Forschungsgruppe um Prof. Dr. Venn erfasste von 70 Personen ihre individuelle Farbneigung zu 120 vorgegebenen Begriffen. Diese Farbproben wurden nach dem RAL-System analysiert, um wissenschaftliche Nähe zu garantieren. Etwa 340 Farbtöne sind im Buch dokumentiert und den vorgegebenen Begriffen zugeordnet.

Wie auch schon bei der Befragung von Heller wurde für den Begriff Gesundheit zu einem hohen Anteil die Farbe Grün gewählt. Überraschend ist dabei, dass die Farbqualität Gesundheit besonders viele aktive und reine Farben enthält, die anregend und inspirierend wirken.4

Es muss also nicht immer das steril anmutende Weiß sein. Mit Weiß verknüpfen wir in der Regel Reinheit und Sauberkeit. In unseren kognitionsorientierten Vorstellungen, die ein Ergebnis von Gedächtnis- und Lernprozessen sind, wird die Farbe weiß im Bereich Gesundheit und Pflege allerdings mit distanzierend und professionell assoziert.4

Abb. 4 Praxisplanung mit Farben, die Gesundheit signalisieren, umgesetzt mit der INNOVUS Farbpalette (Bild links).  –  Abb. 5 Praxisplanung mit Farben, die Wärme signalisieren umgesetzt mit der INNOVUS Farbpalette (Bild rechts).

 

Unter Verwendung
der INNOVUS Farbpalette
wurden die Farbvorschläge für „warm“ und „gesund“
in einer 3D-Praxisplanung (Abb. 4 und 5)
durch die
Firma Phoenix Raum Konzept
visualisiert.

Für uns als Planer besteht die Aufgabe nun darin, die für Dialyseeinrichtungen optimale Kombination von Farben zu finden. Der Dialysebereich soll patientenfreundlich gestaltet sein und Geborgenheit, Hoffnung, Wärme sowie Sicherheit vermitteln. Hier gilt es Farbkombinationen auszuwählen, die auf Grund von Befragungen der Mehrzahl der Studienteilnehmer mit den entsprechenden Adjektiven assoziiert wurden. „Hoffnungsvoll“ wird hauptsächlich mit frischen Grüntönen, Gelb und Blau beschrieben. „Entspannend“ zeigt vorwiegend zarte Grün-, Orange- und Gelbtöne. „Warm“ wird mit Sonne assoziiert und zeigt ein eindeutiges Farbspektrum, das zu fast 100% mit Rot, Orange und Gelb unterlegt wurde. Räume, die mit diesen Farben gestaltet sind, werden wärmer empfunden als die tatsächlich gemessene Raumtemperatur.4

Es ist erwiesen, dass ein ergonomisch gut gestaltetes und farblich ansprechendes Arbeitsumfeld motivierend wirkt. Bei der Gestaltung der Arztzimmer liegt die Präferenz darin, dem Behandler, der die Hauptzeit seines Tages dort verbringt, ein angenehmes, für ihn positives Arbeitsklima zu schaffen und dabei Vorlieben für bestimmte Farben zu berücksichtigen. Natürlich sollte auch das Corporate Design der Dialyse als Teil einer schlüssigen Corporate Identity bei der Farbgestaltung berücksichtigt werden, um den Wiedererkennungswert der Dialyseeinrichtung zu erhöhen und die Authentizität des Praxiseigentümers widerzuspiegeln. Farbkonzepte wirken ehrlich, wenn sie gelebt werden.
Mit unserem Team von Innenarchitekten, Architekten, Praxisplanern, Marketingfachleuten und Medizintechnikern entwickeln wir für Dialysezentren und Praxen eigenständige Konzepte. Dies beinhaltet alles von der Entwicklung eines Corporate Design, Planung, Inneneinrichtung bis hin zur medizintechnischen Ausstattung.
Innovative Produkte, wie das Medienversorgungssystem Phoenix MOVE®, Dialyse-Systemwände und ein speziell für die Dialyse entwickeltes Möbelsystem, werden in unserer eigenen Produktion gefertigt.

Mit der INNOVUS Farbpalette der Glunz AG steht uns eine spezielle Dekorkollektion für Möbel- und Wandoberflächen zur Verfügung, um die gemeinsam entwickelten Ideen für ihre Dialyseeinrichtung umzusetzen. Alle Designs der Kollektion wurden im Rahmen der gemeinsamen Studie mit Prof. Venn für die „Farben der Gesundheit“ aus farbpsychologischer Sicht untersucht. Die große Dekor- und Farbvielfalt ermöglicht es, auch außergewöhnliche Farbkombinationen auf der Basis gesundheitsfördernder Eigenschaften, besonders für den medizinischen Bereich, umzusetzen.

Resümee

Unsere Motivation war von Beginn an, die Medizintechnik in den Hintergrund treten zu lassen, dem Patienten, der viel Zeit in der Dialyseeinrichtung verbringt, eine wohnlichere Atmosphäre zu schaffen und dem Pflegepersonal ein gutes Raumgefühl, sowohl bei der Grundriss-, als auch bei der Farbplanung zu vermitteln. Darin besteht sicher auch die besondere Herausforderung bei der Farbgestaltung von Dialysebereichen.

Literatur / Quellenangaben:

1  Physiologie des Menschen mit Pathophysiologie; Schmidt/Lang/Heckmann; Springer Verlag; 31. Auflage; 2010
2  www.colorsystem.com
3  Psychologie; Zimbardo, Philip G., Gerring, Richard J.; Springer Verlag; 7. Auflage 1999; Nachdruck 2003
4  Farben der Gesundheit; A. Venn, H. Schmitmeier, J. Venn-Rosky; Callwey; 2011
5  Wie Farben wirken. Farbpsychologie, Farbsymbolik, kreative Farbgestaltung.; Heller, Eva; Rowohlt Verlag, Reinbek 1989